• Aus der Geschichte Weidenbachs (XVIII) - Uwe Konst

    Der nachfolgend abgedruckte Text „Kossuth in Weidenbach“ ist im Jahr 1924 in der „Kronstädter Zeitung“ erschienen und wird Friedrich Reimesch zugeschrieben. Ich habe lange nach diesem Artikel gesucht. Gefunden habe ich ihn mit Hilfe einer Weidenbächerin, die in der Kreisbibliothek Kronstadt arbeitet. Diese Bibliothekarin ist sehr an der Geschichte Weidenbachs – auch und gerade der siebenbürgisch sächsischen – interessiert. Leider gibt es keine Sammlung des „Weidenbächer Heimatblatts“ in der Kronstädter Bibliothek. Gerne würde ich mithelfen, diese Lücke zu schließen. Daher meine Bitte an alle jenen, die über nicht mehr benötigte Ausgaben des Heimatblattes verfügen, mir diese zuzuschicken. Meine Adresse lautet: In der Beun 8, 55595 Argenschwang. Ich werde dafür sorgen, daß die Hefte in „gute Hände“ kommen und der weiteren Beschäftigung mit der Geschichte Weidenbachs dienen. Uwe Konst

    „Kossuth“ in Weidenbach
    Es war am Anfang der „Bachischen Zeit“, des Absolutismus nach dem Kriege der Jahre 1848/49. Dumpfer Frieden lastete auf dem Lande. Zwar hatte die glänzende Reise des jungen, liebenswürdigen Kaisers Franz Josef des Ersten besonders im Sachsenlande nur Hoffnungssaat ausgestreut. In den vielen Begrüßungs- und Huldigungsreden, sowie in den Antworten war stets von der so mannhaft bewährten Treue zum Herrscherhause die Rede gewesen, aber es wollte sich keine rechte Anerkennung der im Bürgerkriege gebrachten Opfer einstellen. Man behandelte vielmehr alle Bewohner, die Aufständischen und die Treuen, auf die gleiche Weise. Arge Missstimmung herrschte deshalb bei den Sachsen. Besonders schmerzlich war die Wirtschaft der von der Regierung ins Land geschickten Beamten. Es waren dies meist strengkatholische Tschechen und Polen, die sich in unseren Verhältnissen gar nicht auskannten und mit ihrem Übereifer überall Anstoß erregten und allgemein verhaßt waren.
    Auch in der stattlichen Marktgemeinde Zeiden war ein solcher „Galizianer“, der seine Nase in alles steckte, überall herumstöberte, in allem Ungesetzliches witterte, stets den überlegenen Herrn hervorkehrte, alles Evangelische, Sächsische als rückständig , lächerlich machte und oft als staatsfeindlich verfolgte. Alles wich ihm aus, und jedermann war froh, mit ihm nichts zu tun zu haben.
    Die sächsischen Lehrer waren nach Beginn der Winterschule in einer ernsten Beratung beisammen und hatten die Verordnungen über die staatliche Oberaufsicht über das Schulwesen „zur Kenntnis und Darnachrichtung“ genommen. Nach getaner ernsten Arbeit hatte der Kantor R., der zugleich Pächter des neuen Gasthauses „Zur Schwarzburg“ war, zur Probe des Mostes eingeladen, den er kurz vor Schulbeginn aus dem Weinland gebracht hatte.
    Nun saßen sie in froher Tafelrunde im „Extrawinkel“ hinter der Kellerei. Der Kantor berichtete in seiner heiteren, lebhaften und zugleich lehrhaften Weise: „Dieser Most stammt aus dem Meschener Pfarrweingarten, von Reben, die unser unvergeßlicher Stephan Ludwig Roth gepflanzt hat. Aus den Herbstblumen und Waldreben des Pfarrweingartens habe ich einen farbenprächtigen Strauß gebunden und in Mediasch auf sein mit dem Denkmal so würdig geschmücktes Grab gelegt. Dabei gedachte ich der anregenden Worte, die er auch hier in Zeiden an uns gerichtet hatte, als er uns bei seiner letzten Reise in sein liebes Kronstadt die Sammlung württembergischer Choräle schenkte. Wir wollen seiner stets gedenken und seine würdigen Jünger bleiben!“ Dann stießen sie mit dem süßen Moste an und jeder erinnerte sich des denkwürdigen Beisammenseins.
    Der Rektor Sch. stellte die berechtigte Frage: „Was würde der Feuergeist St. L. Roth zu unsern jetzigen Verhältnissen sagen? Wie würde er sich gegen die Ungerechtigkeiten und den unerträglichen kleinlichen Zwang stellen und wehren?“ Der Kantor R. machte einige Mitteilungen über die Plackereien und Nörgeleien der „Galizianer“; wie viele sich als ungebildete Federfuchser bloßgestellt und sich in ihrem aufgeblasenen Dünkel lächerlich und unmöglich gemacht.
    Auch die andern Lehrer gaben allerlei Überhebungen des in Zeiden „amtierenden“ Pschihalek zum Besten. Der Rektor beschwerte sich, daß er sich in der letzten Sitzung der Kommunität wie ein Narr benommen habe, sich allerlei Rechte angemaßt und dadurch die weitere Selbstverwaltung der freien königlichen Marktgemeinde unmöglich machte. Der Kantor erzählte dann von dem „weißen Raben“ unter diesen „Bachhusaren“ wie man die “Galizianer“ auch spottweise nennt, von dem in Schäßburg als Bezirksvorsteher mit Weisheit und Gesetzesachtung wirkenden Tschechen Meibstetschek. Durch sein tadelloses Benehmen führe er den besten Beweis, daß an der schlechten Regierung nicht das Gesetz und der Staat, sondern vielmehr die rücksichtslos herrschsüchtigen fremden Beamten Schuld seien.
    Der aus Württemberg stammende Gastwirt Dannhammer, der von St. L. Roth zur Übersiedlung ins Siebenbürger Sachsenland angeregt worden war, brachte nun feurigen Wein aus dem Vorjahr zum Kosten, und allmählich wurde Gespräch immer lebhafter. Allerlei Vorschläge wurden laut, wie man sich gegen die Übergriffe wehren müsse und könne. Der stimmgewaltige Rektor Sch. dröhnte mit seinem erschütternden Baß manch derbe Verwünschung über den „Schurken Pschihalek“, der auf dem Hofe der Rektorin für den vom Mieter selbst festgestellten allerniedrigst bemessenen Mietzins wohnte, aber noch keinen blutigen Kreuzer gezahlt hatte. In seinem Übermut verstieg er sich sogar zum Ausspruch, gerne auf die Miete zu verzichten, wenn der lästige Schleicher nur nicht mehr in Zeiden bliebe.
    Im Hofe fuhren eben einige Szegediner Fuhrleute mit ihren großen Reisefrachtwagen mit den dumpfklingenden riesigen Blechschellen ein, hielten unter dem geräumigen Schopfen und lenkten die Blicke und Gedanken der Gesellschaft auf sich. Nun sprachen sie von dem Rückgang des sächsischen Gewerbes, wie durch die viel billigere Leinwand aus den Fabriken Westeuropas die Zeidner Weber brotlos geworden und schon über 200 Webstühle ihr sonst so einträgliches Klappern eingestellt hätten.
    Da erschien der „Spürhund“ mit dem unaussprechlichen Namen im Hofe bei den Szegedinern. Man hörte seine herrische Stimme bis ins Extrastübchen und bald darauf ging der Galizianer mit einigen Fuhrleuten ein wenig abseits. Da war gewiß wieder eine seiner kleinen Erpressungen zu gewärtigen. Gleich gaben die erregten Beobachter dieser neuen Rechtsbeugung einige schmutzige Bestechungsgeschichten Pschihaleks zum Besten.
    Während der Zeit war unser Held in das Wirtshaus gekommen, hatte sich in die Nähe der Kellnerei gesetzt und saß nun bei einer Flasche des besten Weins. Als er im Extrastübchen die lauten Stimmen hörte, dann auch Namen vernahm, die er kannte, rückte er näher und horchte.
    Das bemerkte der Kantor, gab seinen Kollegen unauffällig ein Zeichen und begann mit leiserer Stimme vom größten Gegner der Habsburger, vom Diktator Kossuth zu erzählen; wie Kossuth trotz vielfacher Huldigungen in Amerika und England, trotzdem man vor kurzem in Pest sein Bild an den Galgen gehängt hatte, von Heimweh so mächtig gepackt worden sei, und daß er zu dem Plane gekommen sei, die traurigen Verhältnisse in Ungarn und Siebenbürgen zu benützen, um wieder eine Revolution zu entfachen usw.
    Immer näher rückte der gespannt horchende Pschihalek, um ja alles genau zu hören. Der Kantor berichtete weiter; „Nun ist Kossuth wieder da! Jedoch in seiner schlauen Weise in ganz unauffälliger Verkleidung, in der ihn gewiß niemand vermutet. Er ist in Weidenbach Lehrer der kleinen sächsischen Schulkinder. In der Freizeit unternimmt er erfolgreiche Werbefahrten in das Szeklerland. O, es wird ihm bald gelingen, die allgemeine Unzufriedenheit zu neuem Feuer anzuschüren. Weh uns dann!“.
    Der Kantor hatte dies alles mit geheimnisvoller Stimme erzählt, die andern hatten ihm mit Erstaunen zugehört. Da brach der Kantor in ein helles Lachen aus: „Seht, der Schnüffler hat schon genug gehört. Er ist gewiß schon auf und davon, um Kossuth zu fangen, sich für ewig unsterblich zu machen. Das kann einen guten Spaß geben. Armer Kollege Rosenauer, wie wirst du erschrecken, wenn dir dieser Satan auf den Leib rückt!“
    Nach einer kurzen Viertelstunde sahen sie den Galizianer und drei Gendarmen in einem rasch requirierten Wagen in aller Eile gegen Weidenbach zu fahren. Es ging gewiß schon zur Jagd nach dem edeln Wilde. Die lustige Gesellschaft konnte sich kaum halten vor Lachen. Auf dem Wege nach Hause hörten sie im Rathause, was Pschihalek alles angeordnet hatte: daß er nach Kronstadt telegraphiert habe, man solle für den berüchtigten Habsburgerfeind im Gefängnis einen Platz sichern, ihm einen Offizier und möglichst viele Gendarmen nach Weidenbach schicken. Wie Pschihalek den Bruder des Richters, der nach Heldsdorf fahren wollte, gezwungen habe, ihn und die Zeidner Gendarmen sofort nach Weidenbach zu fahren; wie er ohne Essen und ohne rechten Schutz vor der Herbstkälte Knall und Fall fortgefahren sei u.a.m.
    Schon nach einer halben Stunde waren die „Gendarmen“ im friedlichen Weidenbach, diesem Schmuckkästlein des Burzenlandes. Gleich der erste Weidenbächer mußte auf dem Wagen aufsitzen und den Weg zur Klasse des ABC-Schützen zeigen. Vor dem Schulgebäude sprangen die Männer der Gerechtigkeit rasch ab. Einer blieb mit aufgepflanztem Bajonette vor der Gassentür. Mit den übrigen trat Pschihalek mit klopfendem Herzen vor und umsichtig in das Schulgebäude.
    Im ersten Zimmer fand Pschihalek eine Gesellschaft junger Frauen, die die Lehrersfrau besucht hatten und eben die Güte eines vorzüglichen Weidenbächer „Hubbes“ erprobten. Die junge Lehrersgattin zeigte ahnungslos die Schulstube, nötigte aber die Fremden höflichst, den Kuchen, den Stolz der Weidenbächerin, zu kosten. Aber die hatten jetzt wichtigeres zu tun. Pschihalek stellte auch vor die Tür des Schulzimmers einen Wachposten mit geladenem Gewehre und trat mit dem Postenführer hastig in das Schulzimmer. Im geräumigen Klassenzimmer stand der junge Lehrer Gabriel Rosenauer, der harmloseste Jugenderzieher des ganzen Landes, mitten unter seinen Lieblingen und führte sie in die Geheimnisse des ABC ein. Er wollte die Eintretenden höflichst nach ihren Wünschen fragen, doch da schrie ihn Pschihalek schon an: „Im Namen des Gesetztes verhafte ich Sie! Postenführer legen Sie ihm die Handschellen an!“
    Der ganz verblüffte Lehrer fragte, was sie denn von ihm wollten, was er verbrochen habe. Die kleinen Schulkinder fingen an zu schreien und zu weinen. Die Frauen kamen auch dazu. Pschihalek aber schmetterte dem Lehrer entsetzliche Anklagen an den Kopf: „Schweigen Sei, ich weiß, wer Sie sind. Sie sind Kossuth, der Erbfeind unseres geliebten Kaisers; Sie sind Kossuth, der verruchte Verräter, dessen Bild am Galgen gehangen und der nun bald selbst dort baumeln wird. Mir entwischen Sie nicht! Vorwärts, Postenführer! Handschellen anlegen!“
    Die junge Lehrersfrau stürzte sich aufschreiend zwischen ihren hilflosen Mann und den Gendarmen. Alle Frauen und der Lehrer versicherten, sich gegenseitig überschreiend, daß das ein großer Irrtum sei, daß dies doch Gabriel Rosenauer, der beliebte Lehrer der Gemeinde sei, der nun schon im dritten Jahre als glücklicher Gatte dieser liebenswürdigen jungen Frau hier wohne. Der Lehrer bat, man solle ihn zum Ortsamte führen, dort werde sich dann die arge Täuschung schon aufklären.
    Die Schulkinder waren schon alle mit lautem Geschrei entflohen und verbreiteten die Schreckenskunde mit Blitzeseile im ganzen Dorfe. Als Pschihalek und seine Gendarmen siegesbewußt mit dem Lehrer die Gasse betraten, waren schon viele Dorfgenossen da, die den traurigen Zug laut schreiend und stets den Namen Gabriel Rosenauer rufend zur Kirchenburg begleiteten. Im Rathause war soeben ein Gendarmerieoffizier mit zahlreicher Mannschaft eingetroffen. Doch der Ortsrichter und alle Beamten bestätigten die Richtigkeit der schon so oft wiederholten Beteuerung des Gefangenen und seiner vielen Zeugen. Um die Sache noch mehr zu sichern, ließ der Gendarmerieoffizier um den Ortspfarrer schicken. Der kam denn auch bald und bestätigte alle Aussagen seiner Gläubigen. Auch mache er den allmählich doch zweifelnden Pschihalek darauf aufmerksam, daß Kossuth doch ein angehender Fünfziger sei, während der für Kossuth gehaltene nur im 23. Jahre stehe. Zur Bestärkung seiner Aussagen ließ der Pfarrer aus seinem Amtszimmer auch ein Bildnis Kossuths holen und da schwanden denn alle Bedenken. Als Pschihalek als letzten Beweis anführte, der Zeidner Kantor R. habe es seinem Amtsgenossen als Geheimnis anvertraut, löste sich alles in Heiterkeit auf, denn die meisten kannten den Zeidner Kantor und ahnten, was er mit der Irreführung gewollt hatte. Der Offizier war sehr ärgerlich und befahl kurzer Hand, der falsche Kossuth solle unbehelligt nach Hause gehen. Dem übereifrigen Pschihalek, der sich und die Behörde lächerlich gemacht hatte, aber gab er den Rat, er sollte sich nicht in Angelegenheiten hineinmischen, die er nicht verstehe und übersehe.
    Wütend, beschämt und viel verlacht, kehrte Pschihalek nach Zeiden. Der Fuhrmann war auch Zeuge der ganzen Verhandlung gewesen und erzählte alles seinem Bruder, der Marktrichter, in selbstverständlicher Schadenfreude, fuhr dann nach Heldsdorf und erzählte auch dort alles brühwarm. Auch die Gendarmen machten sich überall lustig über den leichgläubigen Horcher an der Wand. Pschihalek zeigte sich nirgends und nach einigen Tagen war er auf Nimmerwiedersehen verschwunden, worüber sich der Kantor und Rektor in Zeiden nicht minder freuten.
    Am nächsten Freitag aber ging das gesamte Zeidner Lehrerkollegium nach Weidenbach und feierte mit den Weidenbächern ein frohes Fest, wobei Gabriel Rosenauer förmlich „Kossuth“ getauft wurde. Diesen Scherznamen hat er bis in sein spätes Alter gern gehört und sich oft an die tragikomische Geschichte erinnert. Er ist vor kurzem im hohen Alter von über 90 Jahren gestorben.