• Aus der Geschichte Weidenbachs (XVI) - Uwe Konst

    Der Aufruf zur Identifikation von Fotografien bzw. den darauf abgebildeten Personen im vorigen „Weidenbächer Heimatblatt“ war erfolgreich; es sind mehrere Rückmeldungen eingegangen. Herzlichen Dank dafür! Während das Foto mit den Männern in Abbazia vermutlich keinen Bezug zu Weidenbach hat, konnten die Frauen auf dem anderen Foto weitgehend identifiziert werden. Es handelt sich vermutlich um die Nachbarschaft Mittlere Mühlgasse, das Foto dürfte vor 1938 aufgenommen sein.
    In der heutigen Folge drucken wir einen Beitrag von Olga Szabo geb. Tomposch über die Deportation nach Russland im Anschluß an den Zweiten Weltkrieg ab. Gemeinsam mit den in der Ortsmonographie veröffentlichen Berichten und der Liste der Deportierten zeichnet er ein Bild des Leidens, welches den deutschen Einwohnern Weidenbachs widerfahren ist.

    Die auf Weidenbächer Hattert gelegene Flugzeugfabrik hat viele der von ihr entwickelten Fluggeräte auch philatelistisch dokumentiert, durch Sonderstempel und –umschläge, durch Briefmarkenschauen und die Beförderung von Flugpost. Für einen Beitrag in dieser Reihe werden Weidenbächer gesucht, die von diesen Belegen Kenntnis haben oder solche besitzen. Auch soll es in der Flugzeugfabrik eine Philateliegruppe gegeben haben.

    Beispiel eines Sonderumschlag mit Stempel zum Erstflug eines in der Flugzeugfabrik hergestellten Fluggerätes

    Wer weiß etwas dazu? Bitte melden Sie sich bei: Uwe Konst, In der Beun 8, 55595 Argenschwang, Tel. 06706 / 915850
    Nicht erst mit dieser 50. Ausgabe ist das „Weidenbächer Heimatblatt“ mit ihren vielfältigen Beiträgen zu einer wichtigen Quelle für die Geschichte Weidenbachs sowie die Gegenwart der Weidenbächer in Deutschland geworden. Um diese Beiträge und die darin enthaltenen Informationen für die wissenschaftliche Forschung und die interessierten Leser zu erschließen, wäre es sinnvoll, ein Gesamtinhaltsverzeichnis der Artikel zu erstellen. (uk)

    Meine Rußlandjahre-Olga Szabo
    Meine Russlandjahre
    Man schrieb das Jahr 1944. Unser Weidenbach war besetzt mit russischem Militär, denn Rumänien war Verbündeter der russischen Armee. 30 Mann kamen von der russischen Geheimpolizei nach Weidenbach die bei Frau Nagy im unteren Wirtshaus einquartiert wurden. Diese durften mit niemandem aus der Bevölkerung reden. Man munkelte trotzdem, das sind die, die uns nach Russland holen. Es war der 13. Januar 1945 morgens 4.00 Uhr, da klopfte jemand an unser Fenster. Meine Mutter stand auf und fragte wer da sei! Ein junger Russe, stand draußen und fragte sie, ob sie eine Tochter habe. Meine Mutter öffnete ihm die Tür, ich sprang aus dem Bett raus und wollte mich verstecken, doch leider zu spät, denn jemand packte mich am Arm und sagte ganz höflich ich solle mich anziehen, vor allem warme Sachen. Koch¬geschirr, Essen für 14 Tage und einen Schnellsieder einpacken, aber das wichtigste waren warme Sachen. Der junge Russe sagte mir "Sie Ärmste Sie kommen nach Russland wie lange ist unbestimmt". Bei mir staute sich Zorn und Wut an und ich schrie, er solle sich doch wenigstens umdrehen wenn ich mich anziehe, und von meiner Freundin möchte ich mich auch verabschieden. Keine Sorge sagte er mir, die geht auch mit. Auf der Straße hörte ich lautes Weinen, mein Dück Pate schrie: Meine armen Kinder werden verschleppt, Rosa, Anni und Tini Dück. Den Ab¬schied von meiner Mutter kann ich nicht beschreiben, den kann sich vielleicht jeder vorstellen. Ich hatte zwei Rucksäcke mit Lebensmitteln voll gestopft. Der eine Rucksack war eigentlich für meine Mutter be¬stimmt, im Falle, dass sie auch mit musste. Ein kleiner Koffer war mit warmen Sachen, Speck, Schmalz, Braten, Kuchen und gekochten Eiern voll gestopft. So kam ich in Begleitung des Russen, wobei ich noch sagen muss, er war sehr höflich und half mir das Gepäck zu tragen. Vor unserem Haus stand ein Pferdewagen, da saßen schon Rosa, Anni und Tini Dück sowie Waedt Therese, Schmidts Rosa, Schuster Edith, Tontsch Anni und ich gesellte mich hinzu. Markus Hans Vater war unser Fahrer. Überall hörte man Weinen, Schreien und Jammern. So brachte mach uns in Beglei¬tung einiger russischen Soldaten mit schussbereitem Gewehr ins untere Wirtshaus zur Frau Nagy. Im Wirtshaus im oberen Saal erwartete uns eine russische Kommission. Unten im Hof standen große Lkws, da wurden wir zu je 50 - 70 Personen abgezählt und ab in die Autos. Skerbeck Anni aus der Neugasse kam mit drei kleinen Kindern an, sie wurde aber wieder heim geschickt. Ich war im letzten offenen Fahrzeug, an der Landstraße bei Skerbeck Fritz stand meine Mutter und warf mir noch eine große lange Pelzweste zu, die ich im Vorbeifahren noch auffangen konnte. In Kronstadt standen viele Sachsen am Wegrand und winkten uns weinend zu. In Kronstadt, Trias war Endziel. Die Fahrzeuge wurden rückwärts an die Wagentür gefahren je 60 - 80 Leute abgezahlt und in Waggon verla¬den. Die Waggons wurden von außen verriegelt und plombiert und die Fenster zugenagelt. Wir waren im ersten Augenblick so schockiert und wussten nicht wer noch im Waggon war; es war ja ganz dunkel. Als wir uns an die Dunkelheit gewöhnten, sahen wir, dass alles fremde Männer mit uns eingeschlossen waren. Nachher stellte es sich heraus, dass es alles Honigberger waren. Mit uns im Waggon befanden sich noch Mayer Luise, Dold Herta, Buhn Rosa, Tini und Murz Rosa.
    In unserem Waggon standen vier Pritschen, die aber schon alle besetzt waren, so mussten wir am Boden schlafen. Ein russischer Soldat drückte einem Mann eine Axt in die Hand and zeigte ihm wo er ein Loch in den Boden schlagen soll für notdürftige Zwecke. Ein Ofen stand mitten im Waggon sowie etwas Holz und Kohle, damit wir uns morgens einen Tee zubereiten könnten, dann ging die Schinderei los. Von unserem Tee blieb nur wenig übrig. da unser Waggon sehr wackelte. So fuhren wir eine ganze Woche ohne ein einiges Mal anzuhalten. Wir hatten einen Waggonver¬antwortlichen, der von den Russen bestimmt wurde and die Verantwor¬tung für uns alle hatte. Dieser Verantwortliche hatte auch die Aufgabe, auf uns alle aufzupassen, dass niemand fehlt oder versucht zu flüchten. Die Russen hätten ihn dafür schwer bestraft. Als wir aber den Predeal hochfuhren, wollten zwei Männer durch die Fenster, die inzwischen offen waren, flüchten. Sie baten uns ihnen ihr Gepäck nachzuwerfen. Der Zug fuhr hier sehr langsam. Wir hielten sie an Händen and Füßen fest bis der Zug schneller wurde.
    Nach einer Woche Fahrt lernten wir uns alle besser kennen und erreichten Russland, wo der Zug das erste Mal hielt. Der ganze Transport durfte aufs freie Feld um auszutreten. Wir waren natürlich alle umstellt von Soldaten. Der ganze Transport bestand aus 30 - 40 Waggons. Wahrend zwei Wochen Fahrt durften wir zwei Mal die Waggons verlassen. Wir erhiel¬ten von den Russen täglich das Mittagessen, das aus eingelegtem Sauer¬kraut oder aus Borsch mit Grütze bestand. Wir schütteten jedoch alles zum Kackloch hinaus. Auf unserer "Reise" sahen wir im Vorbeifahren russische Arbeiter sowie Frauen mit Wattekleidern, ein großes Tuch um den Kopf gewickelt, dicke Filzstiefel bis über die Knie. Der Prut und der Njeppr waren zugefroren, Überall Eis and Schnee. Der Krieg hatte überall seine Spuren hinterlassen, Schützengräben, kaputte Panzer.

    Endlich nach 14-tägiger Fahrt kamen wir im Sammellager an Dambos 5er Lager Parkomuna. Dieses war eine kleine Ortschaft 25 km vom Asofischen Meer entfernt. Vom Bahnhof aus hatten wir noch 4 - 5 km zu laufen. Dieses war ein langer and schwerer Marsch für uns, da alle viel Gepäck dabei hatten. Endlich war das Lager in Sicht. Im Lager standen niedrige Baracken und diese waren mit drei Reihen elektrischem Stacheldraht umzäunt. Ein Tag vor unserer Ankunft waren da rumänische Kriegsgefange¬ne eingesperrt. Uns wurde eine Baracke zugewiesen, die weder Tür noch Fenster hatte. Einige unserer Männer suchten nach Brettern and stellten mit diesen Türen and Fenster her. In einer Ecke stand ein Ofen, so dass wir wenigstens unsere müden und erfrorenen Glieder etwas wärmen konn¬ten. Am zweiten Tag morgens wurden wir neu eingewiesen. Je 60 Weiden¬bächerinnen in eine Baracke. Im Zimmer standen zwei Pritschen je 10 m lang and 4 m breit und einem Ofen. Das Schlafen war eine einzige Katastrophe. Wenn eine sich auf der Prit¬sche drehen wollte, mussten wir uns alle drehen wegen des Platzmangels. Durch das Lager wurde nochmals ein Stacheldraht gezogen, Männer and Frauen wurden getrennt. Überall waren Karikaturen von Hitler gezeich¬net, ein Hahn pickte ihm am Kopf rum oder sonstiges. Jeden Morgen war Appell, da mussten wir den ganzen Lagerhof durchmarschieren and sangen dazu sämtliche Hitlerlieder. "Krasiva" sagten die Russen, das heißt "schön“. Gleich nach unserer Ankunft wurden im Lagerhof große Contai¬ner aufgestellt, wo unser gutes, hartes Hausbrot hineinwanderte: Wir wunderten uns, dass sich die Russen so darauf stürzten. Bei den Russen herrschte große Hungersnot, da waren sämtliche Abfälle aus den Contai¬nern ein Leckerbissen für sie. Nach drei Tagen im Lager machten wir Bekanntschaft mit Kopf- und Kleiderläusen and dicken Wanzen. Nach 14-tägigem Lageraufenthalt wurden wir neu eingekleidet, dicke Watteklei¬der, russische Mützen mit dem Stern und Gummigaloschen. Wir Weidenbächerin¬nen waren die ersten die in den Schacht kamen. Einige von uns wurden auch als Köchinnen oder zur Kleiderverteilung eingeteilt. 4 Uhr morgens wurden wir geweckt, schnell essen, anziehen und ab zur Arbeit. Zu unserem Arbeitsplatz hatten wir einen langen Weg. In der Nähe unseres Lagers war ein Sägewerk, von wo wir jede einzelne, einen dicken, langen Baumstamm den Berg runtertragen oder ziehen mußten bis zu unserem Schacht. Es waren 7 km, 2-mal am Tag. Am Schachtschalter bekam jeder von uns eine Benzinlampe in die Hand gedrückt und "dawai" runter in den Schacht ging’s. "Sapatna sboica" so nannte sich unser Schacht. Da soll es heftige Kämpfe zwischen den Deutschen und Russen gegeben haben, natürlich mit vielen Toten. Große Trichter waren da von Bomben eingeschlagen und der ganze Schacht stand unter Wasser. Von da mussten wir Wagnetel und Schienen und noch sonstiges was da herum lag aus dem Schlamm ziehen. Eine große Pumpe pumpte das Wasser raus. Diese Pumpe wurde von Russen bedient. Eines Tages als ich mit einer Russin alleine im Stollen war, hatte ich plötzlich ein ganz flaues Gefühl, ich wurde ohnmächtig. Ich merkte aber trotzdem noch, dass mich jemand wegzog, es war die Russin. Ich war durch die Gase, die sich im Schacht gebildet hatten, ohnmächtig geworden. Ich hatte das Gefühl, dem Tod noch einmal entwischt zu sein.

    Eines Tages war große Aufregung im Lager, ein neuer Transport war angekommen und überall standen Soldaten. Es war ein Transport mit Mühlbächern. Diese wurden aber in ein anderes Lager gebracht. Nach einigen Monaten schwerer Arbeit wurden wir auch in ein anderes Lager gebracht. Wir waren einige 100 Leute, die ins Lager Nicanor geschickt wurden. Durch Schnee und eisige Kälte gingen wir einen ganzen Tag ohne überhaupt eine einzige Ortschaft zu sehen. Den ganzen Tag ohne Essen, außer Schnee im Mund gegen den Durst. Unterwegs begegneten wir einer Truppe Weisrussen. Diese wurden be¬wacht von Soldaten die wahrscheinlich auch in irgendein Lager gebracht wurden. Diese Russen hatten alle schwere Hand- oder Fußfesseln. Endlich gegen Abend war unser Ziel "Nicanor" erreicht. Hier waren ungefähr schon an die 1500 Lagerinsassen. Unsere Pritschen waren ganz eisig, doch wir waren von dem langen Marsch so erschöpft und schliefen trotz Kälte gleich ein. Am nächsten Morgen wurden wir geweckt von einem Ekel von Leutnant. Er beschimpfte uns mit Hitler (Gitler sagten die Russen). Einige Mädchen wurden ins offene Feld getrieben um im Schnee die Löcher, die für elektrische Masten vorgesehen waren, freizuschaufeln. Wir wurden auf einen Rangierbahnhof eingeteilt, um große Dulmann Wag¬gons zu füllen. Das war die Norm für 4 Frauen. Es war 3 Uhr nachts, wir wollten ins Lager zurück, aber die Norm musste gemacht werden und so rauften wir uns zusammen trotz Müdigkeit und machten unsere Norm. Ein großes Problem war das Wasser, wir waren schmutzig uns sahen aus wie Neger. Aus einem kleinen Wasserrohr floss ein dünner Strahl Wasser und das für 2000 Leute. Wir wurden hin und hergeworfen. Eines Tages mussten wir zum Bahnhof 10 Mädchen waren dafür eingeteilt, große Rinnen Baumstämme 10 - 15 m Länge und 1 m Breite auf große Waggons aufladen. Mit Stangen (Rispil) gingen wir an diese Stämme, eine für uns sehr unmenschliche Arbeit.

    Eines Nachts kam ich mit Gutt Grete von der Arbeit in unsere Baracke, und oh Freude wir fanden einen großen Behälter mit Wasser auf dem Ofen vor. Wir wuschen uns die Hände darin; aber als wir etwas tiefer rein langten und einige Krautblätter hervorholten wurde uns klar, es war unser Abendessen.

    Einige Weidenbächerinnen meldeten sich für ein anderes Lager.

    30 Mädchen und 100 Oberschlesier wurden eines Tages von einer Kommissi¬on begutachtet wegen Krankheiten. Man durfte nämlich nicht krank sein um in dieses Lager zu wechseln.

    Dieses war ein kleines Lager, total ausgebombt und eine einzige Baracke die einigermaßen wohnhaft war. Dieses Lager hieß Gorodischt. Hier wur¬den wir gleich zur Arbeit eingeteilt: Klutsch Anni, Schmidts Rosa und ich. Aus Weidenbach waren in diesem Lager noch Bruss Rosi (Neugasse), Klöck Herta, Klara und Therese Waedt. Das Essen war da etwas besser und die Arbeit etwas angenehmer. Weiter ging es untertage und am Bahn¬hof Kohlen laden.

    Auf dem Weg zwischen Lager und Schacht war ein kleiner Wald, da waren Massengräber von Deutschen und Russen.

    Da unser Lager Gorodischt nur für die Sommermonate bewohnbar war, brachte man uns im Herbst in ein anderes großes Lager. In diesem Lager waren viele Ungarn aus Hischholz, Jugoslawien, Deutschsprachige aus der Batschka, Oberschlesier und Sachsen. I

    In diesem Lager hatten wir einen freundlichen und netten Lagerkommandan¬ten, der uns menschlich behandelte. Täglich bekamen wir 1/2 kg Brot. Dieses Lager hieß Deltalager und von da hatten wir auch einen langen Weg zu unserem Arbeitsplatz. Im Deltaschacht arbeitete ich mit Klutsch Anni und Schmidts Rosa zusammen. In diesem Lager hatten wir einen Club eine Hagelle, drei Oberschlesier und ein Mädchen aus Zeiden mit Akkor¬den. Für Momente vergaß man sogar das Lager.

    Unser Lagerkommandant war ein dicker behäbiger Mann, er lief immer mit einem Stock rum, deshalb nannten wir ihn (Palzki) Stock. Die vielen anderen Mädchen und Männer kann ich nicht alle aufzählen, so würde der Bericht zu lang. Klutsch Anni kann es bezeugen, dass ich da die volle Wahrheit geschrieben habe. In diesem letzten Lager lernte ich meinen Mann kennen. Man brauchte da einen Menschen, mit dem man Freud und Leid teilen konnte. Im Deltalager war ein Offizier von der Geheimpolizei vor dem jeder Angst hatte. Viel Leid und Elend mussten wir auch hier ertragen. Nach 3 1/2 Jahren Russland war uns keine Arbeit zu schwer. Geld kriegten wir nur so viel, um unser karges Essen zu bezahlen.

    Es war am zweiten Pfingsttag, wir arbeiteten im Deltabahnhof, Gutt Grete, Schmidts Rosa, Dück Anni und ich, wir luden Kohle, die in den Ural geliefert wurde. Wir waren mit unserer Arbeit fertig und wollten ins Lager zurück, als ein Meister vom Schacht kam, der für die Nachmittag¬schicht noch zwei Mädels brauchte. Ich und Putchi mussten dran glauben.

    Es war ein 300 Meter langer, dunkler Schacht, Grete und ich mussten die Kohle zum Haupteingang bringen. Eine Lore brachte die Kohle runter zur Hauptstrecke und Grete sauste mit den leeren Waggons an mir vorbei und ich mit den vollen und umgekehrt. Kein Mensch weit und breit als die Dunkelheit, da hörte ich ganz deutlich meinen Namen rufen "der Berggeist". Ich bin nicht abergläubisch, aber in dem Moment war ich es, und zu meinem Schreck entgleiste mir mein Waggonetel.

    Zuckerrüben waren in Russland eine Delikatesse. Teuer waren sie auch, also von was kaufen ohne Rubel. Ich hatte einen Monat Nachtdienst hinter mir. Wir gingen immer geschlossen mit Bewachung zum Dienst und immer an einem Garten vorbei in dem Zuckerrüben waren. Ich schlüpfte durch den Zaun und nichts wie ans Rüben stehlen. Dem Russen dem dieser Garten gehörte, hatte auf diesem Grundstück eine kleine Bretterbude stehen. Als ich so schön über den Rüben war, ging die Tür von der Bude auf und der Russe mit seinem kleinen Hund jagte an mir vorbei, und Gott sei Dank bemerkte er mich nicht. Durch den Lärm den die Schicht beim Vorbeimarschieren machte, war er aufgeschreckt worden und so kontrollierte er seinen Garten. Er ging bis zu den Bahngleisen und wieder zurück in seine Bude. Mir klopfte das Herz bis zum Hals, denn hätte er mich erwischt, wäre es mir schlecht ergangen. Manche die beim Stehlen erwischt wurden, wurden die Kleider vom Leib gerissen, durchge¬prügelt und an den nächsten Strommast angebunden, wo er die ganze Nacht dann verbringen musste. Der Hunger trieb viele zum Stehlen. Die schwere Arbeit im Bergwerk und immer die Schichten und dann noch dieser Hunger. Wir mussten 1 Monat Tagschicht, 1 Monat Nachmittags¬schicht und 1 Monat Nachtschicht arbeiten. Nach 3 1/2 Jahren kam auch der Tag, wo die Listen gemacht wurden für die ersehnte Heimkehr. Im Lager wurde uns gesagt, wer gerne in Russland bleiben möchte, kann dies durch gutes Arbeiten. Wir hätten ein Grundstück bekommen, um ein Häus¬chen bauen zu können. Aber niemand machte von diesem Angebot Ge¬brauch.

    So kam auch der Tag unserer Freilassung. Jeder bis zum Jahrgang 1918 Geborene konnte heimfahren. Ich war Jahrgang 1918 und so durfte ich auch heim. Die Nacht vor unserer Heimkehr wurden wir alle in ein kleines Zimmer gebracht um morgens stillschweigend das Lager zu verlassen. Morgens war kein Appell, nur für Heimkehrer standen die Offiziere da mit Listen in der Hand und riefen jeden einzeln auf.

    Der Abschied war schwer, unsere Leute standen am Stacheldraht und winkten uns weinend nach. Sie riefen uns "grüßt alle von uns zu Hause", nach.

    Beim Abschied nahmen uns die russischen Offiziere in den Arm, gaben uns die Hand und ade. Unser Kassier aus dem Lager zahlte uns noch den letzten Gehalt aus, es war der 25. Juni 1948. Da wir aber kein russisches Geld über die Grenze mitnehmen durften, schickten wir einen Teil des Geldes an unsere Leute ins Lager zurück.

    Am 7. Juli 1948 kamen wir glücklich in Kronstadt (Trias) an. Ein junger Mann sprach uns an und brachte Markus Rosi, Depner Klärchen und mich nach Weidenbach. Unsere Habseligkeiten ließen wir bei den anderen zu¬rück. Meine Galoschen band ich mir mit einem Stück Draht fest, um sie nicht zu verlieren. Dieser junge Mann hieß Stefan und wohnte mit seiner Mutter bei Annica in der Marktgasse.

    In Weidenbach angekommen, klopfte er an unser Fenster und ich hörte die Stimme von meiner Mutter, wer ist da? Stefan fragte sie ob sie eine Toch¬ter in Russland habe, sie soll heraus kommen, die stünde nämlich neben ihm. In diesem Moment versagte mir die Stimme, ich konnte nichts sagen. Als mein Mutter mich sah, schrie sie so laut, dass sämtliche Fenster in der Nachbarschaft aufgingen. Die Nachbarn fragten, was denn passiert sei! "Mein Olga ist da", rief sie so laut sie nur konnte.

    Binnen einer Stunde wusste ganz Weidenbach von meiner Heimkehr und das mitten in der Nacht. Die Leute die noch ein Fuhrwerk hatten, fuhren nach Kronstadt und holten die Zurückgebliebenen ab. Meinen Koffer brach¬ten sie auch mit. Das Kostbarste was ich besaß war im Koffer versteckt, einige Bilder und das Schachtbild.

    Dold Hilde und Dück Anni blieben im Lager zurück, sie hätten den Trans¬port nicht überlebt, da sie sehr krank waren. Sie starben dort im Lager. Markus Kläri erlebte noch die Heimfahrt und eine Woche später starb sie dann zu Hause.

    Dieses sind einige Erlebnisse aus unserer Gefangenschaft in Russland, jedoch die Gefühle, Hunger und wie die schwere Arbeit zu bewältigen war, kann man nicht aufs Papier bringen.

    Olga Szabo geb. Tomposch