• Philosophie für Jedermann (2) - Gerhard Römer

    Die Aufklärung
    Nichts ist normaler als in der Aufklärung den Sieg der Vernunft über die Vorurteile und Unwissenheit zu sehen. Die Aufklärung beginnt mit der Renaissance, (Renässanß) der Wiedergeburt, das Anknüpfen an die alte griechisch-römische Philosophie. Die unaufhörliche geistige Dynamik, die unsere heutige Welt auszeichnet, nahm ihren Ausgang in der Renaissance. Durch die Wiederentdeckung des geistigen Reichtums der griechisch-römischen Antike erwacht Europa im 14. - 15. Jahrhundert aus einem 1000 jährigen Dornröschenschlaf. Italien war dabei die Speerspitze, Florenz und Venedig waren federführend.
    Dieser völlig neue Geist der Neugier gegenüber antikem Gedankengut wurde zum Fundament späterer wissenschaftlicher Erkenntnisse und einer faszinierenden literarischen und künstlerischen Kreativität und Vielfalt. Auch das philosophische Denken erlebte in diesem Umfeld eine neue Blüte. Der geistige Aufschwung beflügelte auch den Drang zur Entdeckung und Erforschung der Welt. 1492 entdeckte Christoph Kolumbus Amerika und nach und nach die ganze Erdkugel.
    Namen wie Machiavelli und Erasmus, da Vinci, Michelangelo und Kopernikus stehen für diese Epoche, aber auch das nördliche Europa erlebt seine Renaissance. Die kopernikanische Entde-ckung revolutionierte das bis dahin gültige Weltbild, die Erde als Kugel im Sonnensystem, es musste auch von der Kirche anerkannt werden.
    Giordano Bruno wird noch von der Inquisition in Rom auf dem Scheiterhaufen hingerichtet, Galileo Galilei rettet sich vor dem Scheiterhaufen, indem er seine Thesen widerruft, der ewige Kampf um die Macht zwischen der geistigen und weltlichen Herr-schaft hielt das christliche Abendland
    1000 Jahre im kulturellen Stillstand, nennen wir nur die sinnlosen Kreuzzüge und die Inquisition, die Europa viel Leid brachten. In dieser Zeit des wissenschaftlichen und kulturellen Aufschwungs geht das 1000-jährige „finstere Mittelalter“ des europäischen Abendlandes zu Ende, es beginnt eine neue Ära, die „Neuzeit“. Das Schicksal Galileis blieb Isaak Newton erspart, weil der Einfluss der römisch-katholischen Kirche zu seiner Zeit merklich ge- schwunden war.
    In der Tat war Newton einer der bemerkenswertesten Wissenschaftler aller Zeiten, allein schon wegen der Bandbreite seiner Forschungsergebnisse, von den Bewerbungsgesetzen bis hin zur Gravitation. Erst durch Newton wurde endgültig die Trennung von Religion und Naturwissenschaft vollzogen, völlig zu Recht wird er der Gigant des Fortschritts genannt. Newton erntete große Anerkennung aber auch große Abneigung. Voltaire und Kant machten Newton in Europa bekannt, wurden zu seinem Für- sprecher, sein Ruhm war in höheren Kreisen der Gesellschaft unaufhaltsam.
    Ein großer Wendepunkt in dieser Zeit war die englische Revolution von 1688, hin zur Schaffung der heutigen modernen Welt. Denn durch sie wurde erstmals das „Gottesgnadentum“ der Herrscher in Frage gestellt. Sie war der Triumph des freien Willens, der Vernunft und der Aufklärung. Durch diese Revolution wurde sie erstmals zur gesellschaftlichen und politischen Kraft, sie führte zum Ende der absoluten Monarchie und etablierte erst- mals ein parlamentarisches System. Thomas Pain sagte über diese Zeit „man war zwar weise genug (in der Rev. von 1688) der absoluten Monarchie die Türe zu verschließen, gleichzeitig so verrückt der Krone den Schlüssel anzuvertrauen“. (Wie lange duldet Europa seine Royals noch?)
    Wie der Name schon ausdrückt, war die Zeit der Aufklärung nach der grie- chischen Antike und der Renaissance eine neue Morgendämmerung der westlichen Zivilisation und zweifellos eine der fruchtbarsten und folgereichsten Epochen der westlichen Philosophiegeschichte. Sie begann mit Descartes und gipfelte im Denken Kants.
    Die immer wiederkehrende Morgendämmerung, das physikalische Licht und Wärme der Sonne brachten auch Licht in das kulturelle Leben, aber man darf das „Licht der Aufklärung“ nicht nur als eine kulturelle Angelegenheit verstehen. Der Geist der Aufklärung beruht nicht nur auf einem neuen Wissen, sondern auch auf einem neuen Mut. Kant sagte „Sapere aude“! „Wage es weise zu sein, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“.
    Es heißt, ein Geist habe sich im 18. Jahrhundert Europas bemächtigt und die Dogmen und Vorurteile an den Rand gedrängt, ob man ihn nun „Vernunft“ oder „Denken“ nennt, dieser Geist verkörpert sich in einem Voltaire oder einem Kant. Wenn man Voltaire, Goethe oder Kant als Wortführer der Aufklärung bezeichnet, vergisst man nämlich, darauf hinzuweisen, dass sie Anhänger der Grundlagen von Newton waren und sich glühend für diese einsetzten. Der Beginn der Aufklärung hängt unmittelbar mit der Entdeckung der universalen Anziehung zusammen, mit jener Kraft, die die Welt regiert, darunter auch unser Sonnensystem.
    Die Aufklärung begann in England, ging dann über Frankreich und Deutschland auf ganz Europa über. Unter der Herrschaft Friedrichs des Großen öffnete sich auch Preußen dem neuen Geist. Friedrich war tolerant in religiösen und weltanschaulichen Angelegenheiten, er pflegte zu sagen: „Jeder sollte nach seiner Fasson glücklich werden“.
    Voltaires Kampf ist Aufklärung, verstanden nicht nur als Theorie, sondern als Praxis. Er streitet für die Freiheit des Denkens, Toleranz, Vernunft, Friede und Glück der Menschen, Abschaffung der Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Von Descartes heißt es zu Recht, er habe die Grundlagen der modernen Philosophie geschaffen, aber durch Kant wurde die Philosophie endgültig eine von der Theologie unabhängige Disziplin.